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Höhenanpassung in den Alpen: Akklimatisierung auf Hüttentouren

Die meisten Alpenhütten liegen zwischen 1500 und 3500 Metern über dem Meeresspiegel. Die Monte-Rosa-Hütte des SAC steht auf 2883 Metern, die Hörnlihütte am Fuß des Matterhorns auf 3260 Metern, das Refuge du Goûter am Mont-Blanc-Normalweg auf 3835 Metern. Wer aus dem Flachland direkt in diese Höhenlagen aufsteigt, riskiert eine Höhenkrankheit, die harmlos beginnt und im Extremfall lebensbedrohlich endet. Richtige Akklimatisierung ist keine Schwäche — sie ist alpine Grundkompetenz.

Was in großer Höhe im Körper passiert

Mit steigender Höhe sinkt der Sauerstoffpartialdruck in der Einatemluft. Auf 3000 Metern steht dem Körper etwa 30 Prozent weniger Sauerstoff zur Verfügung als auf Meereshöhe; auf 4000 Metern sind es rund 40 Prozent. Der Körper reagiert zunächst mit erhöhter Atemfrequenz und Herzrate, dann mit der Bildung zusätzlicher roter Blutkörperchen. Dieser Anpassungsprozess dauert Tage bis Wochen — schnelles Aufsteigen lässt ihm keine Zeit.

Die typischen Symptome einer beginnenden Höhenkrankheit sind Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit, Schlafstörungen, Übelkeit und allgemeines Unwohlsein. Diese Zeichen werden unter dem Begriff Akute Bergkrankheit (AMS, Acute Mountain Sickness) zusammengefasst. Darüber hinaus gibt es zwei schwere Verlaufsformen: das Höhenhirnödem (HACE, High Altitude Cerebral Edema) mit Koordinationsstörungen, Verwirrtheit und Bewusstlosigkeit sowie das Höhenlungenödem (HAPE, High Altitude Pulmonary Edema) mit rascher Atemnot, blutigem Auswurf und Todesrisiko bei ausbleibendem Abstieg.

Der Lake-Louise-Score

Das standardisierte Werkzeug zur Selbsteinschätzung der Akuten Bergkrankheit ist der Lake-Louise-Score. Er bewertet fünf Symptome — Kopfschmerz, Magen-Darm-Beschwerden, Erschöpfung/Schwäche, Schwindel und Schlafqualität — auf einer Skala von 0 bis 3. Ein Gesamtwert von 3 oder mehr mit Kopfschmerz als Pflichtkomponente gilt als AMS. Der Score wurde 1991 auf einem Höhenmedizinkongress in Lake Louise, Kanada, standardisiert und ist bis heute das am weitesten verbreitete klinische Werkzeug im Feld. Wer die AMS-Kriterien erfüllt, darf nicht weiter aufsteigen — Punkt.

Sleep low, climb high

Das wichtigste Akklimatisierungsprinzip lautet: Tagsüber auf Höhe aufsteigen, nachts tiefer schlafen. Der Körper akklimatisiert vor allem in der Ruhephase; wer auf maximaler Höhe schläft, bevor er bereit ist, stresst das System übermäßig. Für Alpenhüttentouren bedeutet das: Eine Etappe auf 3200 Metern wird erst nach einer Nacht auf 2400 Metern angetreten, nicht nach der Anreise aus München oder Zürich am selben Tag.

Konkret lässt sich eine Hütten-Akklimatisierungskette so aufbauen: Erste Übernachtung auf etwa 1800 bis 2200 Metern (z.B. eine Hütte im Zillertal oder im Wallis), zweite Nacht auf 2500 bis 2800 Metern, dritte Nacht auf 3000 bis 3300 Metern. Wer auf einen 4000er steigen will, braucht idealerweise noch eine Nacht auf 3300 bis 3500 Metern. Die Konkordiahütte des SAC (2850 m) oder die Cabane des Vignettes (3160 m) eignen sich als Zwischenstufen auf Hochtouren im Berner Oberland und Wallis ausgezeichnet.

Hütten-Verkettung für die Akklimatisierung

Statt täglich ins Tal zurückzukehren, nutzen erfahrene Alpinisten die Hüttenstruktur der Alpen als integriertes Akklimatisierungssystem. Auf der Karte lassen sich Hütten nach Höhe filtern — das erleichtert die Planung einer aufsteigenden Übernachtungssequenz erheblich.

Ein Beispiel aus den Westalpen: Erste Nacht Rifugio Gonella (3071 m, Mont Blanc Normalweg von der italienischen Seite), zweite Nacht Refuge du Goûter (3835 m), Gipfeltag Montblanc (4808 m). Diese Sequenz ist das Minimum — besser ist eine zusätzliche Nacht in einem Tal-Unterkunft auf 1800 Metern vor dem ersten Hüttentag.

Diamox: Sinn oder Unsinn?

Acetazolamid (Handelsname Diamox) ist ein Carboanhydrasehemmer, der die Atemfrequenz erhöht und so die Akklimatisierung beschleunigt. In der Höhenmedizin gilt er als wirksames Prophylaktikum gegen AMS — aber nicht als Ersatz für langsames Aufsteigen. Übliche Prophylaxedosis ist 125 mg zweimal täglich, beginnend 24 Stunden vor dem Aufstieg. Bekannte Nebenwirkungen sind Kribbeln in Händen und Füßen, häufiges Wasserlassen und seltener verschwommenes Sehen.

Die Debatte unter Alpinisten dreht sich vor allem darum, ob Diamox die Anzeichen einer ernsthaften Höhenkrankheit maskiert. Einige Mediziner empfehlen es nur für Menschen mit bekannter AMS-Anfälligkeit oder bei unvermeidbaren schnellen Aufstiegen (z.B. Kilimandscharo-Besteigungen). Für normale Hüttentouren in den Alpen bis 3500 Meter ist es in der Regel unnötig, wenn die Akklimatisierungssequenz eingehalten wird. Vor der Einnahme ist eine ärztliche Beratung Pflicht — Sulfonamid-Allergiker dürfen Diamox nicht nehmen.

Wann absteigen, wann bleiben

Die wichtigste Regel der Höhenmedizin ist einfach: Wenn die Symptome schlimmer werden, sofort absteigen. Keine Etappe, kein Gipfel ist eine AMS-Eskalation wert. Bei ersten HACE-Zeichen (Ataxie, Verwirrtheit, schwerer Kopfschmerz trotz Ibuprofen) oder HAPE-Zeichen (Ruhedyspnoe, Hustenreiz, blaue Lippen) ist sofortiger Abstieg und Alarmierung des Hüttenwirts oder der Bergrettung die einzig richtige Reaktion. Portable Überdruckkammern (Gamow Bag) sind auf manchen Hochgebirgshütten vorhanden; sie überbrücken, ersetzen aber nicht den Abstieg.

Wer leichte AMS-Symptome hat — Kopfschmerz, schlechter Schlaf, Appetitlosigkeit — darf auf gleicher Höhe bleiben und abwarten. Besserung innerhalb von 12 bis 24 Stunden ist das Zeichen, dass der Körper akklimatisiert. Verschlechterung ist das Zeichen zum Absteigen.