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Höhenkrankheit vorbeugen: Der praktische Leitfaden für Alpinisten

Höhenkrankheit ist keine Frage der Fitness, des Alters oder der Erfahrung. Sie ist eine physiologische Reaktion auf sinkenden Sauerstoffpartialdruck, und selbst trainierte Alpinisten werden bei zu schnellem Aufstieg erwischt. Wer die Mechanismen kennt, die Warnsignale erkennt und die Grundregeln befolgt, kann die meisten Probleme verhindern — oder rechtzeitig abbrechen, bevor sie lebensbedrohlich werden.

Was Höhenkrankheit auslöst

Oberhalb von 2500 Metern reagiert der Körper auf den reduzierten Sauerstoffgehalt der Luft mit einer Reihe von Anpassungsprozessen: höhere Atemfrequenz, erhöhte Herzrate, veränderte Blutchemie. Diese Akklimatisierung braucht Zeit. Steigt man schneller, als der Körper sich anpassen kann, sammelt sich Flüssigkeit in Lungengewebe und Gehirn — das ist der pathologische Kern aller Höhenkrankheitsformen.

Akute Bergkrankheit (AMS) ist die häufigste Form: Kopfschmerzen, Übelkeit, Schlaflosigkeit, allgemeines Unwohlsein. Sie tritt typischerweise sechs bis zwölf Stunden nach Ankunft in einer neuen Höhe auf und bessert sich bei guter Akklimatisierung innerhalb von 24 bis 48 Stunden. Problematisch wird es, wenn aus AMS das Hochlungenödem (HAPE) oder das Hochhirnödem (HACE) wird — beide sind medizinische Notfälle.

Der Lake-Louise-Score

Das einfachste Werkzeug zur Selbsteinschätzung ist der Lake-Louise-Score (LLS), ein klinisch validierter Fragebogen, der Schweregrad und Fortschreiten von AMS messen soll. Fünf Kategorien werden bewertet: Kopfschmerzen (0–3), Magen-Darm-Beschwerden (0–3), Müdigkeit/Schwäche (0–3), Schwindel (0–3) und Schlafqualität (0–3). Ein Score von drei oder mehr Punkten bei vorhandenem Kopfschmerz gilt als AMS; ab fünf Punkten ist der Befund schwer. Der Score ist kein Ersatz für ärztliche Beurteilung, aber ein nützlicher Verlaufsparameter — schreibe morgens und abends die Werte auf, um Trends zu erkennen.

Für Alpenhütten im europäischen Sinne — typischerweise 2000 bis 4500 Meter — ist der LLS ein hilfreiches Frühwarninstrument. Hütten wie die Capanna Margherita (4554 m) auf der Punta Gnifetti, die Bezengi-Hütten im Kaukasus oder die Thorong High Camp Hotel-Anlagen auf dem Annapurna-Circuit können hohe Scores auslösen, wenn die Aufstiegsrate zu hoch war.

Die Schlafhöhenregel

Die wichtigste praktische Regel lautet: Schlafe nicht höher, als du schlafen solltest. Oberhalb von 3000 Metern gilt die Faustregel, die Schlafhöhe pro Nacht um nicht mehr als 300 bis 500 Meter zu erhöhen, unabhängig davon, wie hoch man tagsüber gestiegen ist. Das Prinzip "climb high, sleep low" nutzt die Tagesaktivität zur Stimulation der Akklimatisierung, ohne den Körper nachts dauerhaft hoher Höhe auszusetzen.

Auf Hüttenrouten in den Alpen ist diese Regel oft einfach zu befolgen: Übergänge von 1500 auf 2500 Meter, dann auf 3300 Meter erlauben dem Körper ausreichend Reaktionszeit. Problematisch sind Direktanstiege, etwa wenn Wanderer von Zermatt (1608 m) per Seilbahn ins Monte-Rosa-Gebiet fahren und sofort auf 3600 Meter schlafen wollen.

Die Diamox-Debatte

Acetazolamid (Handelsnamen Diamox, Acetazolamid HEXAL) ist ein Carboanhydrase-Hemmer, der die Akklimatisierung pharmakologisch beschleunigt, indem er eine milde metabolische Azidose induziert und damit den Atemantrieb steigert. In der Höhenmedizin ist die Wirksamkeit gut belegt; er ist kein Placebo.

Kontrovers ist seine Verwendung aus zwei Gründen. Erstens kann er frühe AMS-Symptome wie Kopfschmerzen maskieren und so dazu verleiten, weiter aufzusteigen, obwohl der Körper noch nicht akklimatisiert ist. Zweitens hat er Nebenwirkungen: Kribbeln in Händen und Füßen, erhöhte Diurese, Karbonation in kohlensäurehaltigen Getränken schmeckt nach nichts. Sulfonamid-Allergie ist eine Kontraindikation.

Empfehlenswert ist Diamox für Expeditionen über 4000 Meter bei erkannter Neigung zu AMS, als kurzfristige Hilfe bei erzwungenen Schnellanstiegen (Flug nach Lhasa, Lhasa 3650 m) und für ältere Alpinisten mit kardialen Risikofaktoren. Für normale Hüttentouren in den Alpen unter 4000 Metern ist es in der Regel nicht notwendig, wenn die Schlafhöhenregel eingehalten wird.

HAPE und HACE erkennen

Das Hochlungenödem beginnt mit einem trockenen Husten, der zu Rasseln und Blutauswurf fortschreitet. Ruhe bringt keine Erleichterung. Das Hochhirnödem zeigt sich durch extreme Kopfschmerzen, die auf Ibuprofen und Ruhe nicht ansprechen, Gangstörungen (Ataxie), Verwirrtheit und im Extremfall Bewusstseinsverlust. Beide Zustände sind lebensbedrohlich und erfordern sofortigen Abstieg.

Die Gamow-Bag — ein tragbarer Überdrucksack, der einen Druckanstieg von 200 Millibar simuliert und damit einen Abstieg von etwa 2500 Metern nachahmt — ist auf gut ausgerüsteten Expeditionshütten und in manchen Hochhütten vorhanden. Sie ist Überbrückung, kein Ersatz für echten Abstieg.

Abstiegsregel

Die goldene Regel: Bei Anzeichen von HAPE oder HACE sofort absteigen, unabhängig von Tageszeit, Wetter und Aufwand. Jedes Zögern erhöht das Risiko eines irreversiblen Schadens. Alpinisten, die diese Entscheidung verpasst haben, sterben häufiger als jene, die bei schlechten Bedingungen absteigen.

Für Hüttentouren in moderaten Höhen gilt: Wer drei aufeinanderfolgende Nächte keinen guten LLS-Score erzielt, sollte eine Nacht tiefer schlafen, bevor er weiterzieht. Hütten wie die Refugio Llaca in Peru oder die Ala-Archa-Camps in Kirgisistan liegen auf Höhen, wo dieser Grundsatz täglich relevant ist.

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Alle in diesem Beitrag genannten Hütten und viele weitere Höhenunterkünfte weltweit sind auf der interaktiven Karte eingetragen. Plane deinen Aufstieg, prüfe Höhenstufen und erkunde Akklimatisierungsrouten direkt auf der Karte öffnen.